• DIE BLECHTROMMEL (BRD/F 1979)

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Synopsis

An diesem Tag, an dem ich über die Welt der Erwachsenen und über meine eigene Zukunft nachdachte, beschloss ich, einen Punkt zu machen. Ich wollte von jetzt an keinen Finger breit mehr wachsen, für immer der Dreijährige bleiben. (Oskar Matzerath)

Aus genereller Verweigerung gegen die Welt der Erwachsenen stellt der kleine Oskar, dessen geistige Entwicklung bereits mit dem Augenblick seiner Geburt vollständig abgeschlossen ist, an seinem dritten Geburtstag das Wachstum ein. Er stürzt sich die heimische Kellertreppe hinunter und stellt die Ärzte mit seiner Fähigkeit, Glas zersingen zu können, zusätzlich vor ein großes Rätsel. Die rotweiße Blechtrommel, die er zum Geburtstag geschenkt bekommt, nutzt er fortan, um Distanz zwischen sich selbst und seiner Umwelt zu schaffen, um seine ganz eigene Sprache gegen Ideologie und Fanatismus zu kreieren, um zu protestieren gegen die Hybris der Menschen in seiner Umgebung. So begegnet Sonderling Oskar auf seine ganz eigene Weise blechtrommelnd dem Aufstieg und schließlich auch Fall des Nazis-Terrors in Danzig.

Vorlage

23. April 1977
Heute zum ersten Mal
Die Blechtrommel gelesen, nicht an einem Tag natürlich. Damals, als das Buch erschien, 1959, interessierte ich mich nur für Frankreich, versuchte gerade dort Fuß zu fassen. Ich versuche mir einen „Blechtrommel“-Film vorzustellen, das könnte eine besondere Fresken-malerei werden, Weltgeschichte von unten erlebt: riesige, spektakuläre Bilder, zusammengehalten von dem winzigen Oskar. Eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts hat man ihn genannt. (Schlöndorff 2011, S. 242)

Mit Die Blechtrommel, Günter Grass’ Bestseller-Roman, widmete sich Schlöndorff einem Werk, das zu den wohl bedeutendsten der deutschen Nachkriegsliteratur zählt. Als erster Teil der Danziger Trilogie – neben den Romanen Katz und Maus von 1961 und Hundejahre von 1963 –  erzählt der Literaturnobelpreisträger die Geschichte des Oskar Matzerath in drei Teilen: Aus dem Jahr 1952 schildert der mittlerweile 30-jährige, der in einer Heil- und Pflegeanstalt untergebracht wurde, rückblickend die Erlebnisse seiner Vergangenheit unter den Einflüssen des Nationalsozialismus, die schließlich im Zweiten Weltkrieg gipfelten und den Jahren der Nachkriegszeit in Westdeutschland. Somit umfasst die Erzählung eine Spanne von 55 Jahren: Von der Zeugung seiner Mutter Agnes auf dem kaschubischen Kartoffelacker im Jahre 1899, über das Jahr 1924, in welchem Oskar zur Welt kommt, bis in das Jahr 1954, zur Zeit seines Heimaufenthaltes, in dem er diese Erlebnisse in einer Biografie niederschreibt.

Vorbereitung und Produktion

Dieser Titel sollte mir für den Rest des Lebens anhaften wie ein Markenzeichen. Abzusehen war der Erfolg anfangs nicht, aber auch das Scheitern könnte interessant werden, sagte Günter Grass und forderte mich auf, Tagebuch zu führen. Ich solle einfach alles aufschreiben, was passierte, das übliche Auf und Ab beim Entstehen eines Films, nichts Außerordentliches, nur das, was wir erlebten, so ungeschminkt, wie es der Anstand zulässt… (Schlöndorff 2011, S. 242)

Tatsächlich führt Schlöndorff während der Vorrecherchen und Produktion regelmäßig Tagebuch und füllt mit seinen Gedanken vier Notizbücher. Sie geben Aufschluss über die Arbeitsprozesse, aber auch Einblicke in Ängste und Hoffnungen des Regisseurs. Seine Aufzeichnungen beginnen mit der ersten Begegnung zwischen ihm und Günter Grass, ihren ersten gemeinsamen Ideen über Produktionsprobleme und Hürden der Finanzierung bis hin zu Dokumentationen der einzelnen Drehtage:

7.7.78
Die Angst hat mich eingeholt. Heute Nacht im Traum erlebte ich eine erste Vorführung des Blechtr. Films in Paris vor etwa 600 geladenen Gästen. Keine Reaktion im Saal. Bei der letzten Sequenz, einem nochmaligen Auftreten Oskars als Säugling, der behutsam einen Walzertakt klopft und auch zu tanzen beginnt, verlassen die Leute schon den Saal. Als dann das Licht angeht, schon Aufbruchstimmung. Kein Wort, kein Applaus. 
(16_4_2_02)

Schlöndorffs BLECHTROMMEL-Verfilmung widmet sich lediglich dem ersten und zweiten Teil der Erzählung, die Jahre der Nachkriegszeit und Oskars‘ Leben  in der Heilanstalt sind ausgeblendet. In Schlöndorffs Notizen werden Überlegungen zu einer Blechtrommel, zweiter Teil deutlich, die sich mit den 1950er Jahren beschäftigen sollen, der Zeit, in der er selbst aufwuchs. Das Vorhaben ist bislang unrealisiert geblieben. (Schlöndorff 2011, 20. Oktober 77, S. 249)

Nach der Anfertigung einer ersten Drehbuchfassung, geschrieben von Produzent Franz Seitz, kommen Zweifel an der filmischen Adaption der verschachtelten Rückblenden und Off-Texte Oskars aus dem Roman auf. Dieser Entwurf, welcher noch mit den Ereignissen in der Heilanstalt beginnt, „wirkte schwerfällig und bildungslastig. […] Schließlich beginnen wir auf dem Kartoffelacker bei der Großmutter und mit dem klassischen Märchensatz: ‚Es war einmal…’“ (ebd., S. 249).

Eine weitere Schwierigkeit stellt die Suche nach einem geeigneten Darsteller des Oskars dar. Schlöndorff und Seitz besuchen unter anderem einen Kongress kleinwüchsiger Menschen und einigen sich schnell darauf: „Oskar muss ein Kind sein, und zwar ein möglichst kleinwüchsiges.“ (ebd., S. 247) Im Zuge ihrer Recherchen suchen sie auf dieses Phänomen spezialisierte Ärzte auf, und erfahren so vom damals 12-jährigen David Bennent, Sohn des Schauspielers Heinz Bennent, den Schlöndorff als Anwalt Hubert Blorna in DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM besetzte. Nach einem ersten Treffen auf dem Münchner Oktoberfest ist sich Schlöndorff sicher, seinen Oskar Matzerath gefunden zu haben.

Im November 1977 wird die Arbeit am Drehbuch von Produktionsproblemen unterbrochen. Die Herstellungskosten belaufen sich nach laut Voranschlag auf mindestens 6 bis 7 Millionen DM. Die Überlegungen, den Film in englischer Sprache, mit internationalen Stars wie Dustin Hoffmann oder Roman Polanski als Oskar, Isabelle Adjani und Keith Carradine als seine Eltern zu drehen, werden schnell zerschlagen. Dennoch plagen den Regisseur tiefe Zweifel zur Realisierung seines Projektes:

16.4.78
Was mich bis zum Absagen entmutigt, sind folgende Schwierigkeiten:

die Vorbereitung ist nur „Feuerwehrübung“, weil mangels endgültiger Verträge, Geld zum Probieren und Engagieren fehlt

die Ausführung ist auf der praktischen Seite durch das Fehlen guter Techniken, vor allem spec. Effects gefährdet

die Vertragssituation wird bis zum letzten Moment prekär sein – jetzt z.B. wieder UA [United Artists] durch den Rücktritt von Emet Goldschmidt in Frage gestellt; Berlin-Kredit immer noch nicht verabschiedet […], FFA [Filmförderungsanstalt] vertagt.

kein brauchbares Atelier in Berlin

Angst vor dem Inszenieren des Kleinbürgermilieus mangels eigener Erfahrung

Ein Film in deutscher Sprache in dieser Größenordnung nicht amortisierbar… (16_4_2_02)

Ab dem 6. Juni werden die Stationen der Finanzierungsbeihilfen nacheinander erfolgreich abgelaufen: Der Berlin-Kredit wird bewillgt, am 12. Juni kommt die Zusage des FFA-Projektförderungs-Darlehens in Höhe von 700.000 DM. Endlich können die Verträge gemacht werden: „Jetzt ist das Geld also beisammen. 5 Minuten vor 12!“  (16_4_2_02)

Dreh

14.06.78
Heute erste Probeaufnahmen. Gestern haben sich im Lauf des Tages David und Angela, Mario und Daniel hier versammelt, sowie aus Rom Mariella Oliveri mit ihrer Mutter – eine entzückende Roswitha! Dazu das Kostümteam aus Berlin, Maske u.a. Abends alle hier bei uns, alle verstehen sich sehr gut. Mario macht matzerathsche Scherze, Angela und David flirten, viel Schnaps und Wein wird getrunken. David hat ihr einen kaschubischen Spiegel mitgebracht und lässt sich von ihr anhimmeln. Die Beziehung stimmt. David läuft von einem seiner mutmaßlichen Väter zum anderen, schmust und schmiegt sich an Angela, bestaunt die dunkeläugige kleine Italienerin […]. Es ist fast unheimlich, wie gut alle zusammenpassen. Was für eine Anmaßung, Menschen so zusammen zu führen, sie ihren Rollen und Beziehungen auszuliefern. Aber wie schön auch, wenn jeder so ganz sich selbst einbringen kann. Alle sind so authentisch, dass wir näher am Dokumentarfilm als an der Literaturverfilmung sind. (16_4_2_02)

Große Sorgen bereiten dem Regisseur und seinem Team weiterhin die aufwendigen Spezialeffekte. Experte Georges Jaconelli wird dafür eigens aus Paris geholt. Er wird gemeinsam mit Nikos Perakis am Glaszersingen, den Bombeneinschlägen, Schießereien und anderen Pyrotechniken tüfteln, wobei auch zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen wird: „Zum Glaszersingen soll jetzt ein Tongenerator von den Opelwerken kommen, um das Glas tatsächlich akustisch zu ‘zersingen’.“ (Schlöndorff 2011, S. 262) Am 31. Juli 1978 beginnen in Zagreb die Dreharbeiten mit Bild 58: Maiwiese. In den CCC-Studios in Berlin fällt – nach weiteren Stationen in Zagreb, in der Normandie und im polnischen Gdansks – im November, nach 17 Drehwochen, die letzte Klappe. Am 3. Mai 1979 erlebt der Film seine Premiere im heimatlichen Wiesbaden und in Mainz.

Cast

David will konkrete Hinweise im Sinne Stanislawskis – ich hoffe, daß wir sie immer finden werden.

Nach Drehschluss trifft sich Günter Grass oft mit den Schauspielern, um mit ihnen ihre Rollen durchzusprechen. Er gibt Hinweise zu Reaktionen, Motivationen und Emotionen der Figuren,  macht deutlich, warum sie wie handeln, was in den Köpfen der zu spielenden Figuren vorgeht.

„I konnt eh nix anfangen mit Erklärungen. I spiel halt, wos im Drehbuch steht, sagt er wienerisch.“ (Schlöndorff 2011, S. 287) – Fritz Hakl ist zum Zeitpunkt des Drehs seit über 20 Jahren Artist. Aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit war er ungeeignet für die Feldarbeit auf dem heimischen Bauernhof, sodass er in den Prater ging. David Bennent hingegen saugt jede Information auf, die er bekommen kann. Er ist mehr für Schlöndorff als nur ein Schauspieler. „Er ist ein Medium. Er hat selbst Probleme, die ähnlich sind wie die des Oskar Matzerath, deshalb wirkt er so authentisch. Er spielt nicht den Oskar Matzerath, sondern er ist selbst ein Oskar.“ (ebd., S. 288). Auch die zum Zeitpunkt des Drehs 25-jährige Katharina Thalbach wolle „um jeden Preis ‘spielen’“ und sage von sich, „dass sie nie genug kriegen kann.“ (ebd., S. 296)

Musik

Mit dem französischen Komponisten Maurice Jarre (*13.09.1924, +29.03.2009), der für die Musik zu LAWRENCE OF ARABIA (Lawrence von Arabien,1962), DOCTOR ZHIVAGO (Doktor Schiwago, 1965) und A PASSAGE TO INDIA (Reise nach Indien, 1984) jeweils einen Oscar® gewann, arbeitete Volker Schlöndorff zweimal zusammen: für DIE BLECHTROMMEL und DIE FÄLSCHUNG 1981.

Die musikalische Untermalung der BLECHTROMMEL habe viele Funktion zu erfüllen, so Schlöndorff. Die Musik solle Stimmungen herstellen, Emotionen verstärken, an die Kindheit erinnern (…) archaisch sein, wie ein Alptraum und banal und erschreckend, wie die Nazizeit. Sie könne helfen, einen Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Phantasie herzustellen, das heiße, das Wirkliche unwirklich und das Unwirkliche wirklich erscheinen zu lassen. Die Instrumentation müsse wie aus Oskars Welt sein: einfach, kindhaft und grob.

All diesen Anforderungen konnten Maurice Jarre, der die Filmmusik komponierte und Friedrich Meyer, der die Szenenmusik (Musik, deren Quelle im Bild zu sehen ist) arrangierte und einspielte, gerecht werden. Die musikalische Untermalung trägt auf besondere Weise zur Steigerung der Atmosphäre bei und verschafft den unterschiedlichen Themen des Films und den verschiedenen Figurengruppen Gehör.

Szenenmusik

Das Außergewöhnliche an der akustischen Kulisse der BLECHTROMMEL ist der exzessive Einsatz von Musik auf diegetischer Ebene (= Szenenmusik). Musik gehört, nicht zuletzt durch Oskars omnipräsentes Trommelspiel, zum Alltag der Protagonisten. Pfeifen, Singen, Musizieren am Klavier, Trompeten- sowie Mundharmonikaspiel tragen zur musikalischen Kulisse von Oskars Kindheit bei. Doch nicht nur in der Familie wird musiziert. Auch wurden von Meyer zahlreiche Marschmusiken der umherziehenden SA-Gruppen in die Filmmusik integriert und auch das Erscheinen des Zirkus wird mit entsprechender Zirkusmusik begleitet. So setzt sich die Musik auf diegetischer Ebene aus Oskars Trommelspiel, zahlreichen Volksliedern, Opernstücken, Märschen und zeitgenössischen Reminiszenzen zusammen.
Eine besondere Rolle spielt die Szenenmusik während einer Kundgebung der NSDAP auf der Maiwiese. Hier nimmt die Musik Einfluss auf die Handlung und wird gezielt eingesetzt, um die Geschehnisse zu lenken. Oskar äußert bei der geplanten Kundgebung seinen Protest wie immer durch lautes Trommelspiel. Durch sein durchgängiges Spiel eines 3/4 Taktes gelingt es ihm, die von der SA-Kapelle gespielte Fanfare und den anschließenden Badenweiler-Marsch im 4/4 Takt umzulenken. Die Musiker folgen nach und nach seiner Taktvorgabe und schlussendlich erklingt der Strauß-Walzer An der schönen blauen Donau. Oskar gelingt es somit, eine Großveranstaltung der Nazis umzufunktionieren zu einer volksfestähnlichen Tanzveranstaltung. Die Versuche der Offiziere, auch zu dem nun erklingenden 3/4 Takt weiterzumarschieren, wirken lächerlich. Die Musik erfüllt hier einen parodistischen Effekt.

Lieder

Die Szenenmusik setzt sich zu großen Teilen aus Liedern zusammen. Zu hören sind das Kirchenlied Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn, der Titel Wer uns getraut aus der Oper Der Zigeunerbaron von Johann Strauß, der Schlager Kann denn Liebe Sünde sein? von Zarah Leander sowie ein bekanntes Arbeiterlied aus dem Jahr 1914: Wann wir schreiten Seit an Seit. Diese Titel erfüllen verschiedene Funktionen innerhalb des Films: nicht nur tragen sie zur Stimmung des Bildes bei, auch kommentieren die Liedtexte das Geschehen. So wirkt beispielsweise der von dem kleinen Oskar aufgesagte Text des Liedes Maria zu Lieben ist allzeit mein Sinn doppeldeutig, da dieser gerade seine Zuneigung für das Mädchen Maria entdeckt (vgl. Schneider 1990).

Funktionen

Eine zentrale Funktion der Musik ist die Übermittlung von Emotionen. Oskar setzt Musik als Protestmittel ein und greift zur Trommel, sobald er einen Missstand entdeckt, ihn etwas beunruhigt oder er allgemein seinen Widerstand gegen jegliche Autorität ausdrücken will. Beispiele hierfür sind die Affäre seiner Mutter mit ihrem Cousin Jan Bronski sowie die Machenschaften der Nazis. Nicht nur Oskar drückt seine Emotionen durch Musik aus: auch seine Mutter lässt in verschiedenen Situationen Musik für sich sprechen. So drückt sie zu Beginn des Films durch das Lied Wer uns getraut ihre Gefühle für ihren Cousin Jan aus. In einer weiteren Szene benutzt Agnes Musik als Protestmittel: auf die Aufforderung ihres Mannes, den zubereiteten Aal zu essen und sein Unverständnis, ihre ablehnende Haltung zu akzeptieren, eilt sie an das Klavier und stimmt den Jägerchor aus der Oper Freischütz an. Durch ihren lauten Gesang versucht sie, die Argumentation ihres Mannes zu übertönen. Ironisch wirkt jedoch, dass sie gerade dieses Lied auswählt, da der Jägerchor eigentlich die Freude über das Jagen von Tieren ausdrückt. Des Weiteren hat die von Jarre komponierte Filmmusik die Funktion, epische Bezüge herzustellen. Parallel zu Oskars Stürzen (zu Beginn und zum Ende des Films) erklingt jeweils dieselbe Musik, die somit als dramaturgische Klammer fungiert.

Ungewöhnliche Instrumentation

Der von Schlöndorff musikalisch gewünschte Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Phantasie wird durch die von Maurice Jarre komponierte Filmmusik auf extra-diegetischer Ebene erreicht (Musik, die nur für den Zuschauer zu hören ist). Eingebettet werden die Geschehnisse durch zwei Szenen auf dem Kartoffelacker. Dazu erklingt ein symphonisches Orchesterstück, versetzt mit dem fremdartigen Klang einer Fujara. Der ungewöhnliche Klang der Fujara sowie die von Oskar gesprochene Märchenformel Es war einmal… bewirken, dass sich der Zuschauer dem Geschehen entrückt fühlt, das Gefühl für Zeit und Raum verliert und die Vorgänge innerhalb des Films eben wie ein Märchen erscheinen. Fest verbunden sind die Klänge der Fujara mit dem Bild der Großmutter und ihren Kartoffeln. Blase man in die Fujara, so klinge dies als ob die Erde atme, so Jarre (vgl. Brown 1994, S. 312). Der fremdartige Klang der Fujara ist es, der das Bild, wie von Schlöndorff gewünscht, archaisch wirken lässt und die Großmutter als Urmutter der Erde erscheinen lässt (Schlöndorff 1979, S.119).

Weitere Themen

Zwei wiederkehrende musikalische Motive sind ein klassisch symphonisches Stück, gespielt von Violinen und Trompeten für die heimlichen Zusammentreffen von Agnes und Jan Bronski, sowie eine Melodie für den Spielzeughändler Markus. Diese wie eine Spieluhr klingende Musik ist immer dann zu hören, wenn Oskar seinen Laden besucht. Sie hat die Funktion Oskars Kindlichkeit und Unschuld zu verdeutlichen. Auch eine Komposition im Stile von Chopins Mazurken, die bei der Zerstörung der Polnischen Post erklingt, ist Teil der Filmmusik. Die ruhigen Klavierklänge stehen im starken Kontrast zu den lauten Geräuschen der Kriegskulisse, den verletzten Menschen und den zerstörten Gebäuden. Gerade im Kontrast mit den Bildern soll die Musik hier ein Symbol der Unzerstörbarkeit und Standhaftigkeit der polnischen Seele sein (vgl. Schneider 1990, S. 269)

Quellen
Brown, Royal S. (1994). Overtones and Undertones. Reading Film Music. California: University of California Press.
Schneider, Norbert Jürgen (1990). Handbuch Filmmusik I. Musikdramaturgie im Neuen Deutschen Film. München: Verlag Ölschläger
Schlöndorff, Volker (1979). „Die Blechtrommel“ Tagebuch einer Verfilmung. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand GmbH.

Schlöndorff, Volker 2008
http://www.volkerschloendorff.com/personen/maurice-jarre/ (10.03.2014)

Rezeption

Auszeichnungen und Kritik

24. Februar: Es ließ sich nicht mehr länger aufschieben. Heute mussten wir den Film Günter Grass zeigen. Als das Licht wieder angeht, sagt er: Eine geballte Ladung… Ich habe das Buch vergessen und einen Film gesehen. Ich würde es ein realistisches Märchen nennen. Waren es wirklich zweineinhalb Stunden? (Schlöndorff 2011, S. 301)

Die deutsche Presse zeigt sich kurz nach der Uraufführung zunächst zurückhaltend: Schlöndorff sei ein „sorgfältig gemachter Film“ gelungen, der „genau gearbeitet, mit vielen schönen Szenen, glänzenden Darstellern“ daherkomme, allerdings „doch alles in allem nur gute Konfektion, jene Form qualitätvollen Kunsthandwerks, das sich unablässig um Kunst bemüht und doch nur Handwerk“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.4.1979) bleibe. Hans C. Blumenberg charakterisiert Schlöndorffs Vorhaben als „mutig oder verrückt (oder beides) genug“ (Die Zeit), sich ausgerechnet der Blechtrommel filmisch anzunehmen. Der Film sei überflüssig, aber „nicht schlecht, im Gegenteil“, doch Schlöndorff die ideale Besetzung als einer, „der sich auskennt mit der filmischen Adaption deutscher Literatur […], neben Fassbinder der zweifellos perfekteste Kino-Handwerker hierzulande.“

Auch wenn er das Feuilleton nicht durchweg überzeugt, so zerstreut die Reaktion des Publikums Schlöndorffs anfängliche Zweifel am Erfolg seines Films. Kurz nach der Uraufführung läuft DIE BLECHTROMMEL mit großem Erfolg als deutscher Beitrag im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Den Hauptpreis, die Goldene Palme, gewinnt er zusammen mit Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm APOCALYPSE NOW (USA 1979). Nach der Verleihung des Bundesfilmpreises 1979 gelingt die Sensation: Als erster deutscher Film seit dem Zweiten Weltkrieg wird DIE BLECHTROMMEL mit dem Oscar® für den Besten fremdsprachigen Film des Jahres ausgezeichnet.

Collage: Geburtsszene mit Auszügen aus dem Arbeitsdrehbuch

Volker Schlöndorff über die Geburtsszene

Volker Schlöndorff über die Special Effects

Volker Schlöndorff über die Arbeit mit David Bennent

Volker Schlöndorff über Oskar und Maria in der Badekabine

Volker Schlöndorff über die Oscar®-Verleihung

Am 28. März 2013 war Volker Schlöndorff zu Gast im Deutschen Filmmuseum und sprach mit Rudolf Worschech von epd film über DIE BLECHTROMMEL und die Oscar®-Verleihung.

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