• TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN (US/BRD 1985)

  • TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN (US/BRD 1985)

  • TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN (US/BRD 1985)

Synopsis

Der 63-jährige Willy Loman ist als Handlungsreisender auf der Suche nach dem amerikanischen Traum. Während er in seiner eigenen heilen Welt lebt, entfernt sich seine Familie, vor allem sein erster Sohn Biff, zunehmend von ihm. Biff, der seinem Vater dessen Selbstbetrug und den Ehebruch gegenüber seiner Mutter nicht verzeihen kann, gerät mit Willy in zahlreiche Konflikte. Willy wiederum sieht nur, was er sehen möchte; dass er weder erfolgreich noch glücklich ist und dass seine eigene Familie kurz vor dem finanziellen Ruin steht, nimmt er erst wahr, als es beinahe zu spät ist. Schließlich ringt er sich zu einer Entscheidung durch, die seine Familie zwar retten, für sein eigenes Leben jedoch folgenschwer wird…

Vorlage

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Arthur Miller, das dieser 1948 im Alter von 32 Jahren schrieb. Zur Vorbereitung auf ein Treffen mit Dustin Hoffman, der 1984 bereits mit Miller an einer weiteren Verfilmung des Handlungsreisenden arbeitete, las Schlöndorff das erste Mal diesen amerikanischen Klassiker. Auf der einen Seite seltsam berührt von der Geschichte und Figur des Willy Loman, war er dennoch skeptisch, als Arthur Miller ihm die Regie bei der Verfilmung anbot:
„Es war ein so genannter ‚Meilenstein‘, wurde damals überall auf der Welt gespielt, warum sollte ich mich fünfunddreißig Jahre später noch einmal daran vergreifen?“ (Schlöndorff 2011, S. 329)
Schlöndorffs Zweifel kamen von der vorherigen Kritik der französischen Presse an seiner Verfilmung von Marcel Prousts EINE LIEBE VON SWANN mit Jeremy Irons – ein weiteres Mal einen Klassiker verfilmen und sich dabei vielleicht in den Augen der Kritiker übernehmen? Nach der Lektüre von Tod eines Handlungsreisenden fragte er sich:
„War ich etwa auch ein Willy Loman, der durch die Welt reist, seine Ware anpreist, selten etwas verkauft, sich aber große Illusionen macht?“ (Schlöndorff 2011, S. 328)

Produktion

Die Besetzung des Willy Loman durch den damals 47-jährigen Dustin Hoffman war bereits beschlossen, bevor Schlöndorff engagiert wurde. Arthur Miller und Hoffman kannten sich bereits von der Inszenierung des Stückes am Broadway, in der Hoffman ebenfalls Willy Loman spielte. Hoffman hatte zudem bereits in der Audioaufnahme von Tod eines Handlungsreisenden durch Ulu Grosbard von 1966 den Nachbarsjungen Bernard gesprochen. An seiner Seite: Lee J. Cobb als Willy Lomann, der die Rolle am Broadway und in der Verfilmung von 1949 spielte. Hoffmans schauspielerisches Interesse an der Rolle des Willy Loman rührte von seinen eigenen Erfahrungen her:
„Sein Vater war Handelsvertreter für Möbel, und immer wenn er nach Hause kam, sprach er von seinen Reisen wie von großen Abenteuern. Kaum war er aus dem Raum, sprang der kleine Dustin auf und imitierte die tiefe Stimme und die weit ausholenden Gesten des Vaters. Nichts anderes tat er auf der Bühne. Es war seine Traumrolle, und Dustin war die treibende Kraft hinter dieser Produktion.“  (Schlöndorff 2011, S. 333)

John Malkovich hatte ebenfalls bereits in der Theaterinszenierung des Handlungsreisenden mitgewirkt und übernahm in Schlöndorffs Verfilmung die Rolle des Biff. Anders als Hoffman agierte Malkovich vor der Kamera genauso entspannt und ungekünstelt wie auf der Broadway-Bühne. Schlöndorff beschreibt die Zusammenarbeit mit ihm als unkompliziert:
„Wunderbar war John Malkovich […] Bei den Proben achtete ich darauf, möglichst mit seinen Szenen zu beginnen, denn er wirkte nie angestrengt, erzwang nicht, war aber immer so ‚richtig‘ und intensiv, dass sein Ton für mich wie der Kammerton A des ersten Geigers war, auf den das ganze Orchester sich einstimmt.“ (Schlöndorff 2011, S. 336)

Da der größte Teil der Handlung sich in einem Einfamilienhaus abspielt, entschlossen Arthur Miller und Schlöndorff sich dazu, statt einer Theateraufzeichnung oder einem Dreh an realen Schauplätzen in New York für die Verfilmung von Tod eines Handlungsreisenden ein Setting im Studio zu bauen.
„Wie eine Filmdekoration?, überlegte ich. Nein, abstrakter, vielleicht nur Versatzstücke, einzelne Elemente, eine Tür und ein Fenster, ein Stück Wand, ein Stuhl und eine Lampe, wie eine Installation von Kienholz…“ (Schlöndorff 2011, S. 332)

Bühnenbildner Tony Walton konzipierte gemeinsam mit Schlöndorff die einzelnen Räume, in denen die zukünftigen Dreharbeiten stattfinden sollten.

Als Kameramann wurde Michael Ballhaus engagiert, der kurz davor noch mit Martin Scorsese bei dem Film AFTER HOURS in New York zusammengearbeitet hatte. Auch Michael Ballhaus hatte eine persönliche Verbindung zu der Geschichte des Handlungsreisenden:
„Als ich Michael von dem Projekt Tod eines Handlungsreisenden erzählte, wurde er sehr aufgeregt. Sein Vater hatte ein Toruneetheater in Franken betrieben, das Stück gehörte zum festen Repertoire des Familienunternehmens. Michael kennte es in- und auswendig.“ (Schlöndorff 2011, S. 332)

Rezeption

Den Sprung vom TV-Spielfilm zum Kinoerfolg, den Schlöndorff sich noch erhofft hatte, schaffte TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN nicht. Dafür ist es insbesondere Dustin Hoffmans Interpretation des Willy Loman, die den Film interessant und zum Gesprächsthema machte. In die Fußstapfen von Lee J. Cobb zu treten war insofern nicht möglich, da beide Schauspieler einen völlig anderen Willy Loman verkörperten. Hoffmans Interpretation wurde einstimmig als quirliges, beinahe komisches Pendant zu Cobbs Inszenierung betrachtet – und entweder gemocht oder belächelt:
„Hoffmans Schauspielkunst schafft es, den Willy so lebendig zu interpretieren, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass es je einen anderen gegeben hat.”(Chicago Tribune)
„While Lee J. Cobb was monumental, Hoffman is scrappy, nervous. His Willy Loman is different from any we’ve seen before.“ (New York Magazine)

#metoo

2017 schildert Anna Graham Hunter in ihrem Gastbeitrag für den Hollywood Reporter, wie Dustin Hoffman die damals 17-jährige während ihres Praktikums am Set von TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN sexuell belästigt habe. Während Hoffman die Vorwürfe abstreitet, äußert sich die Schauspielerin Kathryn Rossetter über ihre Zusammenarbeit mit Hoffman am Broadway und bei der Verfilmung des Handlungsreisenden, wo sie Willy Lomans Geliebte spielte. Sie erhebt ebenfalls den Vorwurf der sexuellen Belästigung gegenüber Hoffman. Volker Schlöndorff äußert sich im selben Blatt zur Debatte und verteidigt Hoffman, während eine weitere Filmschaffende, Wendy Riss Gatsiounis, an die Öffentlichkeit tritt und von sexueller Belästigung durch Hoffman spricht.

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