• STRAJK (DE/PL 2006)

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Synopsis

Polen, Anfang der 1960er Jahre: Die alleinerziehende Mutter Agnieszka (Katharina Thalbach) arbeitet als Schweißerin in der Danziger Lenin-Werft. Sie erledigt ihre Arbeit stets engagiert und gewissenhaft und steigt schließlich zur Kranführerin auf, vertritt gleichzeitig die Interessen ihrer Mitarbeiter der Werftleitung gegenüber sehr konsequent und schreckt auch vor offenem Streit mit ihren Vorgesetzten nicht zurück. Als 1970 bei einem Unfall, der in erster Linie auf katastrophale Arbeitsbedingungen zurückzuführen ist, über zwanzig Werftarbeiter ums Leben kommen, erstreitet sie eine finanzielle Entschädigung für die Hinterbliebenen. Nachdem sie im Zuge eines der nun häufiger auftretenden Streiks verhaftet und im Gefängnis misshandelt wird, entfernt sich die gläubige Katholikin Agnieszka zunehmend vom sozialistischen System. Gemeinsam mit ihrem Arbeitskollegen Lech Walesa wird sie Mitglied einer geheimen Widerstandsgruppe, aus der bald die erste freie Gewerkschaft Polens hervorgehen wird. Im Zuge der nun ausbrechenden politischen Kämpfe erlangt Agnieszka landesweite Bekanntheit.

Vorlage

„Wer macht eigentlich Geschichte? Sind es ‚große Männer‘ wie Stalin, Churchill, Mao, Napoleon? Oder entsteht Geschichte aus dem Klassenkampf, aus dem Spiel der Kräfte innerhalb der Gesellschaft? Oder ist es Hegels Zeitgeist? Der Streik auf der Lenin-Werft, der langfristig die Perestroika und den Fall der Mauer bewirkte, also wirklich weltgeschichtliche Entwicklungen, war durch die Haltung eines einzelnen Menschen, der nicht einmal ein Programm hatte, ausgelöst worden. Konnte es sein, fragte ich mich, dass Geschichte, wie die Evolution, durch winzige Mutationen ‚gemacht‘ wird?“ (Schlöndorff, 2011)

STRAJK beruht auf der Lebensgeschichte von Anna Walentynowicz (1929-2010), die ab 1950 dreißig Jahre lang in der Danziger Lenin-Werft arbeitete und eine entscheidende Rolle bei der Gründung der freien Gewerkschaft Solidarność spielte. Der landesweite Streik, der die Machthaber in Polen 1980 zur offiziellen Anerkennung der bis dato illegalen Solidarność zwang, wurde durch die politisch motivierte Entlassung Walentynowiczs ausgelöst. Die Führung der Gewerkschaft, die später eine entscheidende Rolle bei der Wende von 1989 spielen sollte, überließ sie aber ihrem Arbeitskollegen Lech Walesa. Für Schlöndorff war die Beschäftigung mit der Biographie Anna Walentynowiczs Anlass für ein Nachdenken über das Wesen der Geschichte selbst. Im Film konzentriert er sich auf die Jahre 1960-1980, in die der entscheidende Teil von Walentynowiczs politischem Engagement fällt.

Die wichtigste historische Quelle für STRAJK war der Dokumentarfilm Wer ist Anna Walentynowicz? (2001) von Sylke Rene Meyer. Der Film besteht fast ausschließlich aus Interviews mit der Protagonistin und anderen Zeitzeugen sowie historischem Bildmaterial. Meyer schrieb auch am Drehbuch zu STRAJK mit, das im Wesentlichen auf ihrer Dokumentation beruht. Allerdings beschloss Schlöndorff, den Stoff auf der persönlichen Ebene relativ frei zu verfilmen. Die Hauptfigur seines Films ist zwar an Walentynowicz angelehnt, trägt aber den Namen Agnieszka Kowalska. Kowalska agiert im Film als politische Figur genauso, wie es Walentynowicz in den 1960er und 70er Jahren getan hat, ihr Privatleben und ihre Persönlichkeit unterscheiden sich aber von der historischen Vorlage. Der Hauptgrund für die Entscheidung Schlöndorffs, sich nicht exakt an der Person Anna Walentynowiczs zu orientieren, war die Tatsache, dass diese dem Filmvorhaben von Anfang an ablehnend gegenüberstand und sogar mit rechtlichen Schritten drohte. So wurde aus dem Film, der ursprünglich als Biographie geplant war, eine „Ballade nach historischen Ereignissen“ (Schlöndorff). Obwohl Walentynowicz auch mit dem fertigen Film absolut nicht zufrieden war, wurde er in Polen überwiegend positiv aufgenommen.

Produktion

Vorarbeit und Dreh

Der Produzent Jürgen Haase hatte die Lebensgeschichte Anna Walentynowiczs bereits einigen polnischen Regisseuren zur Verfilmung angetragen, allerdings war keiner auf das Angebot eingegangen. Ein Grund hierfür war die Tatsache, dass das Ansehen der Solidarność in Polen seit ihrer Regierungsbeteiligung in den Jahren 1990-93 stark gelitten hat. So kam es, dass sich schließlich mit Volker Schlöndorff ein deutscher Regisseur diesem Kapitel der Geschichte Polens annahm. Schlöndorff beschloss, den Film in polnischer Sprache und mit überwiegend polnischen Schauspielern zu drehen. Die Hauptrolle vergab er aber an Katharina Thalbach, die er für die internationale Fassung des Films ins Polnische synchronisieren ließ.

Einige Zeit vor Beginn der Dreharbeiten traf Schlöndorff sich in Danzig erstmals mit Anna Walentynowicz. Die gealterte Freiheitskämpferin stand dem Filmvorhaben von Anfang an ablehnend gegenüber und ließ sich, trotz der historischen Genauigkeit des Drehbuchs, auch in persönlichen Gesprächen nicht umstimmen. Schlöndorff, der zu Beginn seiner Arbeit an STRAJK von der unkooperativen Haltung seiner designierten Titelheldin noch gar nichts wusste, beschloss, den Film dennoch zu drehen, in der vagen (und letztlich vergeblichen) Hoffnung, das fertige Produkt werde Walentynowiczs Gnade finden. Allerdings entschied er sich für eine etwas freiere Interpretation seiner historischen Vorlage. Gedreht wurde der Film in Danzig, zum größeren Teil in eben jener Werft, die Schauplatz der historischen Ereignisse um Anna Walentynowicz war. Da in dem Betrieb auch im Jahr 2005 noch Schiffe vom Stapel liefen, obwohl die Belegschaft bereits von ehemals 21.000 auf 2.000 Arbeiter zusammengeschrumpft war, mussten die Dreharbeiten in den Arbeitsalltag der Werft integriert werden, was Schlöndorff zufolge aber hervorragend funktionierte und zur Authentizität des Films beitrug.

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