• Der neunte Tag (DE/LU 2004)

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Synopsis

Der luxemburgische Priester Henri Kremer (Ulrich Matthes) ist im sogenannten „Pfarrerblock“ im KZ Dachau interniert. Das Blatt scheint sich für ihn zu wenden, als er überraschend entlassen wird. Doch die vermeintliche Freiheit währt nicht lange. Lediglich „Urlaub vom KZ“ wird ihm gewährt, um in dieser Zeit der Gestapo einen Dienst zu erweisen: Gelingt es Kremer, innerhalb von acht Tagen den luxemburgischen Bischof (Hilmar Thate) zur Kollaboration mit den Nazis zu überreden, kommen seine 18 Luxemburger Mithäftlinge sowie er selbst frei. Scheitert er, muss er am neunten Tag zurück ins KZ, was den sicheren Tod für ihn und seine Leidensgenossen bedeutet. In diesen acht Tagen sieht er sich täglich dem Gestapo-Offizier Gebhardt (August Diehl) gegenüber, der mit Kalkül und gezielter Verführung versucht, Kremer auf seine Seite zu ziehen. Zwischen dem katholischen Priester Kremer und dem NS-Karrieristen mit Theologiestudium Gebhardt entwickelt sich ein geistiges und geistliches Duell um Glaube, Verrat und Moral, das deutliche Unterschiede, jedoch auch eine große Gemeinsamkeit aufzeigt: den Glauben an Gott.

Als ihm klar wird, was er tun muss, weiß er nicht, ob er das, was er als richtig erkannt hat, auch bewältigen wird. Das ist das eigentlich Spannende: wissen, was man machen muss, ohne zu wissen, ob man die Kraft haben wird, es zu tun. Nur wer zum Schluss das Richtige getan hat, ist mit sich selbst identisch. (Schlöndorff 2011, S. 453)

Vorlage

Das Dilemma erinnert, ohne altmodisch zu wirken, an ein Schillersches Drama. (Schlöndorff 2011, S. 451)

Nachdem Volker Schlöndorff das Tagebuch des Priesters Jean Bernard aus dem KZ Dachau (Pfarrerblock 25487) gelesen hat, ist er nicht nur von den Schilderungen des Grauens, sondern auch vom nüchternen Erzählstil Bernards tief berührt. Schlöndorff, eigentlich der Ansicht, dass der Holocaust nicht inszenierbar sei, möchte diese Geschichte weiter verfolgen.

Aufbauend auf der Idee der Drehbuchautoren Eberhard Görner und Andreas Pflüger, verlegt Schlöndorff den Schwerpunkt des Films auf die neun Tagen Urlaub vom KZ – einen Zeitraum, der in der Vorlage Jean Bernards kaum eine halbe Seite umfasst. Die sonst so detaillierten, nahezu dokumentarischen Beschreibungen im Tagebuch treffen dort auf eine Leerstelle. Diese versucht Schlöndorff auszufüllen mit der Frage nach Glauben und Gewissen. Das Drehbuch ist wiederrum nicht nur von Bernards Tagebuch geprägt, sondern auch von den autobiografischen Berichten Ist das ein Mensch? und Die Untergegangenen und die Geretteten von Primo Levi, der über seine Zeit im KZ Auschwitz berichtet. Levi schildert, in sehr sachlicher Erzählweise, nicht nur den Lageralltag, sondern damit verbunden auch immer wiederkehrende Gefühle von Scham, einerseits gegenüber dem Verhalten der SS und der Kapos, andererseits aber auch der Scham gegenüber sich selbst und seinem eigenen Handeln. Diese grundlegenden aufgeworfenen Fragen über menschliches Moralempfinden bilden das Grundgerüst der filmischen Umsetzung zu DER NEUNTE TAG.

Vorbereitung, Produktion

Recherche

In Vorbereitung auf DER NEUNTE TAG befasst sich Volker Schlöndorff neben Jean Bernards Tagebuch konkret mit den historischen Begebenheiten, unter anderem dem zwischen Papst und NS-Regime beschlossenen Reichskonkordat von 1933. Diese Kollaboration der Kirche mit den Nationalsozialisten weitet sich für viele Priester als enormes moralisches Dilemma aus. Es geht nicht nur um den Mut und die Kraft, sich der NS-Ideologie zu widersetzen. Sondern auch um eine damit einhergehende Verweigerung gegenüber dem Vatikan. Im Laufe dieser Zeit entstand der sogenannte „Pfarrerblock“ im KZ Dachau, der größtenteils aus nicht kollaborierenden und „nicht-arischen“ Christen bestand. Im Laufe seiner Recherchen fokussiert sich Schlöndorffs Fragestellung auf den Sinneswandel und anschließende Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewissen von Gläubigen. Wie ist der christliche Glaube vereinbar mit der NS-Ideologie? Wie kann eine derartige Zusammenarbeit gerechtfertigt werden? Die Figur des Judas stellt sich dabei als Angelpunkt heraus. Einerseits wird er als Verräter gehandelt, als Inbegriff der Illoyalität, andererseits als Jemand, der den Verrat in Kauf nimmt, um einem höheren Ziel zu dienen. Dies macht Judas teilweise zu einer positiv assoziierten Figur mit Identifikationspotenzial. Durch diese Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Zweck die Mittel heilige, wird die Judas-Frage wesentlicher Bestandteil des psychologischen Duells von Priester und NS-Offizier.

Cast

Für die Rolle des Abbé Henri Kremer sieht Schlöndorff Ulrich Matthes als perfekte Besetzung. Gemäß den Aufzeichnungen von Bernard handelt es sich bei ihm um einen Menschen, der kein Märtyrer ist und sich selbst auch nicht als einen solchen wahrnimmt. Vielmehr geht es um die glaubwürdige Auseinandersetzung mit den moralischen Dilemmata. Bevor die Dreharbeiten am 30.11.2003 beginnen, steht Matthes in Oliver Hirschbiegels DER UNTERGANG (D 2004) als Propagandaminister Joseph Goebbels vor der Kamera – und muss sich parallel auf beide Rollen vorbereiten. In DER NEUNTE TAG steht er zusätzlich vor der Herausforderung, so wenig wie möglich seine innere Befindlichkeit nach Außen auszuspielen. „Ich wollte nicht, dass diese Bedeutung im Dialog behandelt wird, sie sollte nur unterschwellig da sein. Man kann das nicht in Worte fassen, aber Schauspieler können es ausdrücken.“ (Schlöndorff 2011, S. 451)

Als wichtigster Gegenspieler von Kremer wird August Diehl als Gestapo-Offizier Gebhardt besetzt. Entgegen der häufigen Darstellung von ’simplen‘, ‚lauten‘ SS-Leuten, sollte dieser den personifizierten Verführer par excellence geben: Schön und idealistisch, hart und ehrgeizig versucht er, durch Intellekt zu bestechen und wird gerade so besonders gefährlich für Kremer.

Die Rolle der aufopferungsvollen Schwester des Priesters, Marie, wird mit Bibiana Beglau besetzt, mit der Volker Schlöndorff schon in DIE STILLE NACH DEM SCHUSS (D 2000) zusammenarbeitete. Den luxemburgischen Bischof, einen Mann mit unerschütterlichen Überzeugungen, der Kremer schlussendlich aber keinerlei Hilfestellung gibt, verkörpert „(e)in Mann wie eine Eiche, Hilmar Thate.“ (Schlöndorff 2011, S. 452)

Dreh

Aufgrund geringer zeitlicher und gerade auch finanzieller Mittel stehen nur wenige Drehtage zur Verfügung. Daher entscheidet sich Schlöndorff vorab zu Proben in Berlin mit Ulrich Matthes und August Diehl, um die Szenen des Zweikampfs zwischen Kremer und Gebhardt zu üben. Dies erweist sich für die spätere Drehzeit in Prag als eine gute Vorbereitung. Gerade die erschwerten Bedingungen wertet Schlöndorff als Vorteil, da sie zu radikalen künstlerischen Entscheidungen zwingen. Diese äußern sich in den vermehrten Großaufnahmen von Ulrich Matthes und August Diehl, in denen geringste Mimiken erkennbar werden und ein Spiel ohne Pathos ermöglichen. Die Kamera nimmt dabei die Rolle eines subjektiven Beobachters ein, „der die Kraft nicht mehr hat für große Überblicke, für Totalen […]“. (Schlöndorff 2011, S. 454)

Musik

Der Soundtrack zu DER NEUNTE TAG stammt vom deutsch-russischen Komponisten Alfred Schnittke (*24.11.1934, †03.08.1998). Zwischen 1961 und 1984 schrieb er rund 60 Filmmusiken, u.a. für AGONIA – RASPUTIN, GOTT UND SATAN (UDSSR 1981; R: Elem Klimow) und DER MEISTER UND MARGARITA (RUS 1993; R: Juri Kara) . Schnittke arbeitete nicht nur als Filmmusikkomponist, sondern schrieb auch zahlreiche Stücke für den Konzertsaal, die zum Teil Eingang in verschiedene Filme fanden. So wurde sein Concerto grosso Nr. 1 für zwei Violinen und Orchester in mehreren Filmen verwendet wie zum Beispiel in AUFSTIEG (UDSSR 1981; R: Larissa Schepitko) und auch in DER NEUNTE TAG. Das Stück begleitet die im KZ Dachau spielenden Szenen. Volker Schlöndorff wollte dazu zunächst keine musikalische Untermalung: „Musik, dachte ich, verbietet sich in einem KZ. Dann fiel mir eine Schallplatte ein, die mir ein Freund, Nahum Klajman, der Leiter des Einstein-Archivs, vor Jahren in Moskau geschenkt hatte. Sogar Schnittkes Witwe war überrascht, wie gut dieses Concerto grosso zu dem Film passte“ (Schlöndorff, S. 454f.). Die Musik zeichnet sich im Zusammenhang mit den Darstellungen im KZ durch ihren bedrohlichen und verstörenden Charakter aus. Hohe Streicher kreieren eine Atmosphäre des Unbehagens und wirken befremdlich auf den Zuschauer.

Ein Thema des Films ist auch das Musizieren im KZ selbst. Das fröhlich anmutende Volkslied Wir lagen vor Madagaskar, welches von den Geistlichen im „Pfarrerblock“ angestimmt wird, spiegelt die Situation der Inhaftierten wider: Begleitet von schlechten Lebensbedingungen und Krankheit müssen die „Kameraden“ damit rechnen, dass täglich „einer über Bord geht“. Bestätigt wird dies prompt durch bestrafende Schläge eines SS-Wachmanns, zu denen die Geistlichen weiter singen. Diese Parallelisierung nimmt dem Stück den letzten heiteren Charakterzug.

Auch die Quasi-Kreuzigung eines Inhaftierten wird vom Singen eines Kirchenliedes begleitet, jedoch mit Androhung der Todesstrafe wieder unterbunden.

Außerhalb des KZ erklingt Alfred Schnittkes Konzert für Nr. 1 für Violoncello und Orchester, welches dem Film fast durchgängig einen melancholisch-bedrückenden Charakter verleiht. Auch der absichtliche Verzicht auf den Einsatz von Musik an ausgewählten Stellen trägt zu diesem Eindruck bei.

Eine Ausnahme bildet die fröhlichste Szene des Films, eine Schneeballschlacht zwischen Henri Kremer und seiner Schwester, welche von dem zeitgenössischen Schlager Frauen sind keine Engel begleitet wird.

Quellen:

http://www.frankstrobel.de/texte-von-frank-strobel/alfred-schnittke.html

Schlöndorff, Volker: Licht, Schatten und Bewegung. Mein Leben und meine Filme. München 2008.

Der neunte Tag. Volker Schlöndorff. Deutschland/Luxemburg 2004. Filmheft von Herbert Heinzelmann (bpb).

Rezeption

Auszeichnungen und Kritik

DER NEUNTE TAG wird im Juli 2004 auf dem Filmfest München das erste Mal aufgeführt und wird national und international vor allem auf Festivals mehrfach nominiert und ausgezeichnet. Unter anderem gewann er den Großen Preis der Biberacher Filmfestspiele, den Großen Preis der Filmfestspiele St. Petersburg sowie den Crystal Simorgh auf dem iranischen Fajr International Film Festival für den Besten Film (im internationalen Wettbewerb) und den Publikumspreis der internationalen Filme. In Deutschland erhält er den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bestes Szenenbild und wird nominiert als Bester Spielfilm.

Darüber hinaus sucht Schlöndorff stets die unmittelbare Auseinandersetzung um die Themen Integrität und Moral mit dem Publikum. So stellte er seinen Film auf dem Katholikentag 2004 vor und diskutierte in diesem Zusammenhang die Rolle der kirchlichen Institution. Im Gegensatz zu DER UNTERGANG (D 2004; Oliver Hirschbiegel), der zwei Monate zuvor in den Kinos startete, erreicht der Film nur einen Bruchteil der Kinobesucher; die Fernsehanstalten stufen DER NEUNTE TAG als „nicht fernsehtauglich“ ein.

Es war mutig vom Produzenten und den Redakteuren, sich darauf einzulassen, es war feige und eine Schande, dass die Programmgewaltigen ihrem Publikum nicht vertrauten, die Erstausstrahlung um Jahre verzögerten und dann auf die Mitternachtsstunde legten. (Schlöndorff 2011, S. 455)

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