• Die Geschichte der Dienerin (US/BRD 1990)

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  • Die Geschichte der Dienerin (US/BRD 1990)

Synopsis

In einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Republik Gilead (ein Teil der ehemaligen USA), sind die Menschen durch Katastrophen größtenteils unfruchtbar geworden. Neues Leben muss mit allen Mitteln „herangezüchtet“ werden, und so werden Frauen in einem totalitären, christlich-fundamentalistischen System in starre Rollen gepresst und in Klassen eingeteilt. Frauen im gebärfähigen Alter werden zu „Mägden“ der Mächtigen umerzogen. Sie sollen den Anführern der Gesellschaft, den Kommandanten, ihre Körper zur Verfügung stellen, und anstelle der Ehefrauen deren Kinder zur Welt bringen. Bleibt Nachwuchs aus, droht den Mägden Gefahr für Leib und Leben … Kate (Natasha Richardson), die nach einem missglückten Fluchtversuch zur Dienerin versklavt wurde, kommt in den Haushalt des Kommandanten Fred (Robert Duvall) und seiner Frau Serena Joy (Faye Dunaway). Während sie ihrer Rolle als Magd gerecht werden muss, versucht sie verzweifelt, ihr Leben wieder zu gelangen, und verfängt sich so in einem undurchschaubaren Netz aus Machtspielen, Vertrauen und Verrat …

Vorlage

1985 erscheint mit The Handmaid’s Tale das sechste Buch der Kanadierin Margaret Atwood,. Kritikerinnen und Kritiker stellen die dystopische Zukunftsfantasie in eine Reihe mit Aldous Huxleys Brave New World und George Orwells 1984. Doch Atwood bezieht sich ausdrücklich auf historische und auf zeitgenössische Ereignisse: „I based the book very, very strictly on history and on present-day happenings.“ (Atwood bei der Pressekonferenz zur Berlinale, S. 6. Weiterführend: http://www.cbc.ca/radio/tapestry/religion-utopia-or-dystopia-1.4143654/how-margaret-atwood-s-puritan-ancestors-inspired-the-handmaid-s-tale-1.4143718)

The Handmaid’s Tale wird nach seinem Erscheinen zum Bestseller. Doch nicht alle Reaktionen auf das Buch sind positiv, wie Claire Fellon von der Huffington Post zusammenträgt.

Volker Schlöndorff erinnert sich an die Begegnungen mit Atwood, bei der sie ihm erzählte, dass sie die Idee für diesen Roman schon lange hatte. Vor allem eine Gastprofessur an einer amerikanischen Universität habe sie dazu gebracht, denn  „(…) da herrschen die Patriarchen am schlimmsten. (…) Und das ist das frauenfeindlichste Milieu – auch religiös sehr stark untermauert“. (Atwood nach Schlöndorff, Interview als DVD-Extra, [21:32 – 25:36]). Atwood gibt zu, sie habe „drei Jahre gezögert, das Buch zu schreiben, denn es erschien mir zu paranoid. Bis ich schließlich während eines Aufenthalts in Berlin, sozusagen im Schatten der Mauer, damit begann.“ (Atwood bei der Pressekonferenz zur Berlinale 1990).

Der ins Deutsche übersetzte Roman erscheint 1987 unter dem Titel Der Report der Magd und wird auch hierzulande ein Erfolg.

Produktion

Vorarbeiten

Produzent Daniel Wilson wird durch seine Frau Zoey auf den Roman aufmerksam gemacht, und ist sofort begeistert von dem Stoff. 1986 kontaktiert er Atwood und erwirbt die Verfilmungsrechte mit der Idee, den englischen Star-Dramatiker Harold Pinter für das Drehbuch zu verpflichten – was Atwood sehr zusagt. „I didn’t want to do the script, and one of the reasons we sold the rights to Danny was because it was his idea to get Harold Pinter for the screenplay.“ (s. „Production Notes“, S. 1). Als Regisseur ist zunächst ein Veteran des British Free Cinema, Karel Reisz, vorgesehen. Reisz und Pinter arbeiteten zuvor bei der Verfilmung von THE FRENCH LIEUTENANT’S WIFE (GB 1980) nach John Fowles‘ gleichnamigem Roman erfolgreich zusammen.

Trotzdem lehnen Hollywood-Studios das Projekt zunächst ab mit der Begründung „a film for and about women … would be lucky if it made it to video.“

1988 nimmt sich Sigourney Weaver dem Projekt an und zieht Volker Schlöndorff als Regisseur hinzu, nachdem Karel Reisz nicht mehr zur Verfügung steht.

Schlöndorff kann sich mit Pinters minimalistischem Drehbuch nicht anfreunden, auch Produktionsfirma und Verleih waren nicht zufrieden mit der „(…)extremen Verknappung der Story, die zwar das Betuliche des Romans eliminierte, aber kaum genug Stoff für einen Spielfilm bot.“ (Schlöndorff 2011, S. 398). Pinter ist an einer weiterer Arbeit am Drehbuch nicht interessiert, weswegen Schlöndorff selbstständig das Drehbuch bearbeitet.

Cast

Als Sigourney Weaver schwanger wird, sieht sie sich gezwungen, aus dem Film auszusteigen. Als Ersatz schwebt Schlöndorff zunächst Greta Scacchi vor, um die Offred zu spielen. „Aber der Verleih und die Produktion die ja in Amerika allmächtig sind, (…) haben auf Natasha Richardson bestanden, der Tochter von Tony Richardson und Vanessa Redgrave, die auch eine glänzende Schauspielerin ist.“ Schlöndorff bringt Robert Duvall als Darsteller des „Kommandanten“ in das Projekt ein. Seine Ehefrau Serena Joy wird von Faye Dunaway verkörpert, die Duvall aus gemeinsamen Zeiten im Actors Studio von Lee Strasberg kennt.

Dreh

Gedreht wird über 11 Wochen in und um Durham, North Carolina, mit einem (für einen Hollywoodfilm) relativ kleinen Budget: „It is a low-budget movie. (…) Faye Dunaway, all-star she is, was dressed out of Sears catalogue, $49.50.“ Drehorte sind u.a. das Haus von Lars und Mary Hunsvald (Haus des Kommandanten), der Campus der American Tobacco Company, das St. Mary’s College, zwei High Schools und der Campus der Duke Universität. Auf letzterem werden u.a. die Hängungsszenen gedreht – was für einige Kontroversen auf Seiten der Universität sorgt.

Schlöndorff hebt besonders die Bedeutung der amerikanischen Künstlerin Jennifer Bartlett hervor, die aus gewerkschaftlichen Gründen zwar keinen Credit im Film bekommt, deren künstlerische Mitarbeit deswegen nicht weniger wichtig sei: „She was my most important collaborator besides Igor Luther, the cinematographer, in the creating of this world of Gilead.“ Sowohl mit Bartlett als auch mit Luther hat Schlöndorff zuvor schon zusammen gearbeitet: mit Bartlett bei Theater- und Operninszenierungen, mit Luther u.a. bei DIE BLECHTROMMEL und DIE FÄLSCHUNG.

Für die Kostüme zeichnet sich Colleen Atwood (nicht verwandt mit Margaret) verantwortlich, die inzwischen mehrfach mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Von Schlöndorff erhält sie die Anweisung, die Kostüme als „Uniformen, die aus einem Katalog stammen, der von der Regierung veröffentlicht wurde“ zu betrachten.

Rezeption

Auf der 40. Berlinale 1990 wird Schlöndorffs Film vom Publikum ausgebuht: „Ich habe hier 1990 DIE GESCHICHTE DER DIENERIN gezeigt. Bei der Premiere im Zoo Palast wurden wir total ausgebuht. Da waren innere Animositäten, vielleicht war ich auch zu schnell zu erfolgreich gewesen und musste getunkt werden. Aber dann sind wir mit dem Film auch über den Checkpoint Charlie und haben den im International gezeigt. Das war das erste Mal, dass das möglich war, die Grenzer standen noch. Die Geschichte ist der Autorin Margaret Atwood ja in Berlin eingefallen, unter dem Eindruck der Mauer. Das wurde dort verstanden. Und wir wurden plötzlich gefeiert.“ (Schlöndorff im Interview mit der Berliner Morgenpost, 6.2.2014)

Insgesamt erfährt der Film sehr gemischte Reaktionen. Literaturkritiker Hellmuth Karasek lobt den Film und nennt ihn eine „schneidende Satire auf die Gegenwart“. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden verleiht Schlöndorffs Werk das Prädikat „besonders wertvoll“. Gelobt wird der Film als „naturalistischer Thriller, der auf Versuche zu künstlerischer Überhöhung wohlweißlich verzichtet.“ Der Münchner Merkur dagegen titelt „Männliche Kopfgeburt“, die Neue Presse (Hannover) nennt den Film „Eine dumme Männerphantasie“, die Süddeutsche Zeitung zieht als Resümée: „Ein ratloses Werk“.

Schlöndorff selbst mutmaßt über die Gründe, warum sein Film die Kritiken derart spaltete: „DIE GESCHICHTE DER DIENERIN kam leider zu früh. Als ein ‚wiedergeborener Christ‘ ins Weiße Haus einzog, hätte der Film besser gepasst.“ (Schlöndorff 2011, S. 406) Im Laufe der Jahre gibt es immer wieder Adaptionen des Stoffes in den unterschiedlichsten Künsten. So werden u.a. ein Ballett, ein Theaterstück und eine Oper aufgeführt.

2017 scheint The Handmaid’s Tale den Nerv der Zeit voll zu treffen: Das amerikanische Video-on-Demand-Portal hulu strahlt ab Frühjahr 2017 seine Serien-Adaption von Atwoods Roman aus. Beim US-Publikum erfreut sich die Serie großer Beliebtheit und auch die Kritiker sind begeistert. Bei der Emmy-Verleihung im September gewinnt die Serie in der Kategorie „Beste Serie – Drama“, Elisabeth Moss („Offred“) gewinnt den Preis als „Beste Hauptdarstellerin – Drama“, Ann Dowd („Aunt Lydia“) wird als „Beste Nebendarstellerin – Drama“ ausgezeichnet.

Mitte des Jahres wird bekannt gegeben, dass Margaret Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. In der Begründung heißt es: „Die kanadische Schriftstel­lerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährli­che unterschwellige Entwicklungen und Strömungen. Als eine der bedeu­tendsten Erzählerinnen unserer Zeit stellt sie die sich wandelnden Denk- und Verhaltensweisen ins Zentrum ihres Schaffens und lotet sie in ihren utopischen wie dystopischen Werken furchtlos aus. Indem sie mensch­liche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht ver­meintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann. Humanität, Ge­rechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Hal­tung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Men­schenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie lite­rarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind.“ Im selben Jahr gewinnt Atwood den Ivan Sandrof Lifetime Achievement Award des National Book Critics Circle.

Warum der Roman, die Filmadaption und die Serienadaption so unterschiedliche Reaktionen erfahren, bietet Stoff für Annäherungen und Analysen. Sophie Gilbert von The Atlantic fragt sich 2015, zwei Jahre vor dem Erscheinen der Serie: „Is the book still too radical for film?“. Natalie Zutter schreibt für das Online-Portal Tor.com regelmäßig über The Handmaid’s Tale und geht in einem Essay mit Schlöndorffs Film hart ins Gericht: How the 1990 Handmaid’s Tale Film Became an Erotic Thriller

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