• DER PLÖTZLICHE REICHTUM DER ARMEN LEUTE VON KOMBACH (BRD 1971)

  • DER PLÖTZLICHE REICHTUM DER ARMEN LEUTE VON KOMBACH (BRD 1971)

  • DER PLÖTZLICHE REICHTUM DER ARMEN LEUTE VON KOMBACH (BRD 1971)

  • DER PLÖTZLICHE REICHTUM DER ARMEN LEUTE VON KOMBACH (BRD 1971)

Synopsis

Ein hessischer Heimatfilm. (Schlöndorff 2011, S. 186)

1821 in Oberhessen: Obwohl die Bauern und Tagelöhner von Kombach harter Arbeit nachgehen, reicht es in Folge von Missernten und erhöhten Steuern für sie und ihre Familien kaum zum Leben. Um ihrem Elend endgültig zu entkommen, schließt sich eine Gruppe Männer zusammen und fasst einen Plan, der fatale Folgen haben sollte: Sie wollen den Geldtransport des Kurfürsten überfallen und mit dem geraubten Geld endlich ein neues, unbekümmertes Leben beginnen. Doch die Unbeschwertheit soll nicht lange währen, denn: Wer als bettelarmer Mann so plötzlich zu Reichtum kommt, macht sich verdächtig…

Schlöndorffs filmische Heimatbekundung wird eingeordnet in eine neue Welle, die, angefangen mit Peter Fleischmanns JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN (BRD 1968/69), als Gegenentwurf zum populären Heimatfilm der 1940er/1950er Jahre angesehen wurde: Das Sub-Genre des Kritischen oder Neuen Heimatfilms.

Vorlage

Im Herbste 1821 mähte Jakob Geiz einstens in der Nähe von Biedenkopf die Wiese des Herrn Posthalters Stapp daselbst. Bei dieser Arbeit kam der Strumpfhändler David Briel von Dexbach […] zu ihm und redete ihn folgendermaßen an: „Höre Jakob, […] ich wüsste ein Mittel, wodurch uns beiden geholfen wäre, wenn du und noch einige vertraute Leute mit mir einverstanden wären. Du weißt, es fährt alle Monate ein paarmal das Geldkärrnchen von Biedenkopf nach Gießen – das wollen wir zusammen angreifen, das Geld herausnehmen, und wenn es uns gelingt, dann sind wir doch auf unser Lebtag geborgene Leute. […] Wir greifen es auf churhessischem Boden an und da muß auch der Churfürst von Hessen unserem Großherzoge das Geld wieder ersetzen. Gesetzt, es würde nun deshalb auch eine neue Steuer ausgeschrieben, so kann es einem Manne höchstens zwei, drei Kreuzer kosten – und uns wäre doch auf immer geholfen.“ Durch diese Worte legte David von Dexbach den Keim der Übeltat in die Brust seines Freundes nieder; und da sie diese Sache noch weiter besprochen, schieden sie ganz einverstanden von einander…

Der Postraub in der Subach heißt die Chronik eines Kriminalfalls, der sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts im sogenannten Subachtal bei Kombach im Landkreis Marburg-Biedenkopf ereignete. Hans Prescher, damaliger Leiter der Abteilung Fernsehspiel und Oper des Hessischen Rundfunks und Co-Produzent bei BAAL, leitete das Dokument an Schlöndorff, der eng mit seiner hessischen Heimat verbunden geblieben ist, weiter.

„Das Schicksal war mir gnädig: Ich erkannte sofort die Gelegenheit, einen Gegenentwurf zu dem missglückten MICHAEL KOHLHAAS zu machen, und gab ihm den altmodischen Titel DER PLÖTZLICHE REICHTUM DER ARMEN LEUTE VON KOMBACH.“ (Schlöndorff 2011, S. 187)

Vorbereitung, Produktion

„Gerade das Bescheidene, das Arme dieser Geschichte gefiel mir. War BAAL schon eine Art Neuanfang, hieß es jetzt erst recht zurück zu meinen Wurzeln.“ (Schlöndorff 2011, S. 188)

Schnell, mit wenig Material und einem kleinem Team – die Bedingungen für die Produktion waren bereits im Voraus besonders sparsam gesteckt. Eine Tatsache, die auch  eine ästhetische Rückbesinnung auf seinen Erstling TÖRLESS bedeuten sollte. Zusammen mit Margarethe von Trotta arbeitet Schlöndorff die „Postraub-Chronik“ zu einem Drehbuch aus. Die ungeheure Verzweiflung und Armut der Bauern, und der Traum von einem besseren Leben in Amerika durchzieht wie ein roter Faden die Handlung. Als Grundlage dafür dienen von Trotta und Schlöndorff historische Auswandererbriefe und –Gesuche.

Das Gerichtsprotokoll füllt von Trotta zusätzlich mit alten Volksliedern und Gedichten, sowie Zitaten aus Georg Büchners Woyzeck und Märchen der Gebrüder Grimm – Zeilen, die die Bescheidenheit, doch vor allem auch das Elend und den Kummer der Menschen spiegeln. Die Kommentare aus dem Off (gesprochen von Margarethe von Trotta selbst) und einige Teile der Dialoge entstammen den dem überlieferten Wortlaut der Verhörprotokolle. Die Schauplätze sind das Oberhessische, der Odenwald und erneut das Kloster Schäftlarn, welches bereits für die Aufnahmen im TÖRLESS als Drehort diente. Auch hier übernimmt Franz Rath die Kameraführung.

 Cast

„Sogar zu meinem Dialekt wollte ich mich bekennen.“ (ebd., S. 189)

Für die Besetzung der Rollen suchte sich Schlöndorff gezielt hessische Darsteller, teils Laien, teils Professionelle, um die Authentizität vor allem auch durch die Färbung des Dialekts zu wahren. Gerade aufgrund seiner außergewöhnlichen Mundart besetzte er die Rolle des jüdischen fahrenden Strumpfhändlers Briel mit dem Lyriker Wolfgang Bächler, den er kurz zuvor bei einer Dichterlesung in München hörte: „Sein alemannischer Tonfall passte wunderbar zu dieser poetischen Figur.“ (ebd.)

Musik

Jazzmusiker und Komponist Klaus Doldinger (*12.05.1936) arbeitete für drei Filme mit Schlöndorff zusammen: BAAL (1969), DER PLÖTZLICHE REICHTUM DER ARMEN LEUTE VON KOMBACH (1970/71) und PALMETTO (1998).

Verglichen mit herkömmlichen Heimatfilmmelodien, fällt der Soundtrack zu DER PLÖTZLICHE REICHTUM DER ARMEN LEUTE VON KOMBACH recht ungewöhnlich aus. Es erklingt bis auf wenige Ausnahmen keine volks-tümliche Musik, überliefertes Liedgut oder ländliche Harmonien um einen Anschein von Authentizität zu erwecken, sondern elektronisch bearbeitete, leichte Jazzmusik. Auch werden keine Geigen eingesetzt, die normalerweise mit der ländlichen Bevölkerung assoziiert werden, sondern verschiedene Schlaginstrumente, E-Bass, Harfen, Flöte, Orgel, Klarinetten und Trompeten.

Schlöndorff zufolge fiel die Entscheidung für diese Art von Musik ganz bewusst, um den üblichen Heimatfilm-Kitsch zu vermeiden. Die Musik diene dazu, das „Genre zu entstauben“ und die Geschehnisse aus heutiger Sicht zu kommentieren (Vgl. Schlöndorff im Video-Interview).

Somit wird auch auf musikalischer Ebene, den Bestrebungen des Neuen Heimatfilms, die deutsche Geschichte aus neuen Blickwinkeln zu betrachten und neue Formen von Heimatdarstellung zu finden, genüge getan.

Musik allgemein wird in diesem Film größtenteils nur dann eingesetzt, wenn Bewegung im Bild zu sehen ist. Nach dem Überfall im zweiten Teil des Films erklingt somit fast keine Musik mehr. Einzige Ausnahme bildet hier der Einsatz von diegetischer Musik (deren Quelle im Bild zu sehen ist und auch für die Figuren im Film zu hören ist) während der Hochzeitsfeierlichkeiten. Für mehr als fünf Minuten (mit kurzen Unterbrechungen) spielen zwei Geiger und ein Klarinettenspieler ein heiteres Motiv, welches die Gäste zum Tanzen einlädt. Durch das ständige Wiederholen derselben Noten wirkt das Motiv sehr eindringlich. Die Musik erfüllt hier die Funktion, Stimmung zu erschaffen.

Hauptthemen

Insgesamt lassen sich auf extra-diegetischer Ebene (Musik, die nur für den Zuschauer zu hören ist) zwei Hauptthemen ausmachen. Das erste Hauptthema begleitet leitmotivisch die Männer im Wald. Es handelt sich hierbei um eine perkussionlastige Komposition. Der unterlegte Bass erzeugt einen treibenden Charakter und steht somit im rhythmischen Einklang mit den durch den Wald rennenden Männern. Die Melodie wird von Flöten gespielt. Im Verlauf des Filmes kommen stellenweise, frei improvisierte Flötensoli hinzu.

Das zweite Thema dient als Leitmotiv für das „Goldkärrchen“. Von Trompeten gespielte Fanfarenmusik, kündigt das Erscheinen der Kutsche an und verweist gleichzeitig auf die kurfürstliche Obrigkeit des Landes.

Die zwei Themen erklingen oft direkt hintereinander oder gehen ineinander über. Sobald die Einstellung der Kamera von den Männern weg auf die Kutsche umschwenkt, ist die Fanfarenmusik zu vernehmen. Somit dient die Musik hier dazu, narrative Zusammenhänge herzustellen.

Ballade

Ebenso wie für BAAL vertonte Doldinger auch für diesen Film ein Gedicht in Balladenform. Das Lied Die Zeit ist reif, wir fahren nach Amerika wird zu Beginn des Films von Doldinger selbst gesungen. Mit dem Titel wird die Sehnsucht der Bauern nach einem besseren Leben ausgedrückt. Nach Erklingen des Liedes greift Ludwig Acker den Text im übertragenen Sinne auf und erzählt sehnsuchtsvoll, wie er sich das Leben als reicher Mann vorstellt.

Direkt nach dem erfolgreichen Überfall auf das „Goldkärrchen“ erklingt das Lied noch einmal, diesmal von hohen Flöten gespielt. Durch das Wieder-aufgreifen des Liedes an dieser Stelle wird betont, dass sich die Gruppe nun dem Traum von einem besseren Leben näher fühlt.

Rezeption

Auszeichnungen und Kritik

Die verfilmte Chronik stößt national wie international auf große Anerkennung. Das Internationale Filmfestival San Sebastian 1971 zeichnet Schlöndorff und sein Team gleich mit vier Preisen aus: dem Preis der spanischen Filmkritiker für das Drehbuch, den Preis der Auslandskorres-pondenten, den Premio Luis Buñuel, sowie den OCIC-Preis des Inter-nationalen Katholischen Filmbüros. Das Auswärtige Amt bedauert in einem vorläufigen Verleihungsbrief mehrmals, dass der deutsche Beitrag ausnahmslos nicht-offizielle, wenn auch die bemerkenswertesten dieser Kategorie bekommen habe: „Die spanische Filmkritik sprach von einem großen deutschen Film, den die internationale Jury bei ihren Auszeichnungen unbegreiflicherweise übergangen habe.“ Der Deutsche Filmpreis hingegen zeichnet Schlöndorff mit dem Filmband in Gold für die Beste Regie aus.

Auch die Filmkritik spaltet sich in zweierlei Lager: Die meisten sahen in der Aussage des Films  zwar eine linke Kapitalismuskritik. In der Ausweisung des Strumpfhändlers David Briel als Juden, der – im Gegensatz zu seinen Komplizen – der Hinrichtung nach Amerika entflieht, doch vor allem eine, die dabei mit antisemitischen Klischees operiere: „Die Negativfigur dieses David Briel, ihre Funktion und Darstellung im Film, ist nicht zu übersehen, sie bildet den seelenschwarzen Kontrapunkt zu der dumpfen Bauernschar […]. Der schlaue Jude benutzt sie als Werkzeug, um sein Glück zu mehren. Der Tod der Genarrten schert ihn wenig.“

Für eine umfassende Betrachtung des Antisemitismus-Vorwurfs, s. den Beitrag von Alfons Maria Arns und Schlöndorff im Video-Interview.

Volker Schlöndorff über den Antisemitismusvorwurf

Volker Schlöndorff über die Auswandererbriefe

Volker Schlöndorff über die Bescheidenheit der Produktion

Volker Schlöndorff über die Chronik des Postraubs

Volker Schlöndorff über die Musik

Collage: "Sequenz 9" mit Auszügen aus dem Arbeitsdrehbuch

Anmerkungen zum Film

Der plötzliche und andauernde Reichtum des Strumpfhändlers David Briel von Dexbach.

Aus unserem Archiv

FOTOS